Kurzer Seminarbericht und Stellungnahme zu „Black lives matter“

Knapp 20 Leute fanden sich am Sonnabend, den 13. Juni zusammen, um bis spät abends über grundlegende und aktuelle politische Dinge zu diskutieren. Ausgangspositionen waren jeweils vorgetragene Referate zu folgenden Themen: Populismus, revolutionäre Praxis in der Postmoderne und über die westliche Wertegemeinschaft. Bezugnehmend auf neue Protestformen und – akteure (Gelbwesten in Frankreich, Bürgerrechtler in Dtl.) wurde dahingehend ein Konsens unter den Teilnehmern erzielt, dass der Protest (mag er auch noch so gut und deutlich vorgebracht werden) dringend ein geistig-weltanschauliches und v.a. ein organisatorisches Fundament benötigt. Nur von diesem aus kann er versuchen Menschen zu politisieren, aber er kann sich auch auf dieses Fundament zurückziehen, wenn die öffentliche „Empörungswelle“ abebbt. Fehlt dieses brechen mühsam aufgebaute Strukturen und Kenn-Verhältnisse unter den „Politneulingen“ in sich zusammen, v.a. wenn sich der anvisierte Erfolg nicht einstellt.

Aus aktuellem Anlass wurde ausführlich die „Black Lives Matter“- Bewegung in den USA und deren Ableger außerhalb Nordamerikas besprochen. Hier haben wir es mit einem Protest postmoderner Couleur zu tun. Denn auch die Gewalttätigkeit seiner Anhänger kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es an einer wirklichen Analyse der Zustände ebenso mangelt, wie an einer klaren Zielsetzung. Es ist vielmehr ein Protest um des Protestes Willen, wie er im Zeitalter der Postmoderne üblich zu sein scheint. Allein gegen (tatsächlich vorhandenen) Rassismus zu sein und als „philosophische Neuerung“ diesen permanent als „strukturell“ zu bezeichnen, reicht beileibe nicht aus. Die Protagonisten der Schwarzenbewegung der 1960er Jahre waren da intellektuell wesentlich weiter: Malcom X meinte kurz vor seinem Tod und quasi als Quintessenz seines Nachdenkens über die us-amerikanische Gesellschaft: „You can`t have capitalism without racism“. Ein Blick ins benachbarte Kuba, in dem Weiße, Hispanics und die Nachfahren schwarzer Sklaven ohne die Probleme, die wir aus den USA kennen, miteinander auskommen, zeigt, dass jenseits individualistischer Ellenbogengesellschaften, dereneinzigen Werte Konsum und das rücksichtslose Streben nach schnellem Reichtum sind, ein friedliches Auskommen von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur durchaus möglich ist. Ebenso wurde von den Seminarteilnehmern festgehalten, dass die kollektive Selbsterniedrigung weißer Menschen (in den USA und Westeuropa) im Zuge der „critical whiteness“ jeglicher Grundlage entbehrt und kontraproduktiv im Sinne einer Ursachenforschung für tatsächliches rassistisches Verhalten ist. Es waren mitnichten die einfachen weißen Europäer, die sich die damaligen Kolonien unter den Nagel rissen, Millionen Menschen versklavten, verschifften und ermordeten. Ein Blick in die Historie zeigt, dass Sklavenhaltung und -handel leider schon immer Teil der Herrschaftsausübung der Mächtigen einer Gesellschaft über den unterpriviligierten Teil derselben war – unabhängig von Hautfarbe und Herkunft.

So gab es ausgeprägte Sklavenhalter-„Kulturen“ über Jahrhunderte bei den Arabern, den Wikingern und auch in Ostasien. Doch auch jenseits „klassischer“ Sklavenhaltung litten während der Zeit des sog. Dreieckshandels Millionen Menschen: Während nämlich in Nordamerika auf den Baumwollplantagen unter erbärmlichen Bedingungen Sklavenarbeit von Schwarzen geleistet wurde, verheizte die besitzende Klasse jenseits des Atlantiks sprichwörtlich weiße Arbeiter jeglichen Alters in den Fabriken der europäischen Länder, nachdem man diese ihrer Subsistenzgrundlagen beraubt hatte. Wer weiß heute z.B. schon noch, dass Kinder zum Kehren von Industrieschornsteinen in diese abgelassen wurden, dass die wöchentliche (Knochen)Arbeitszeit nicht selten 80 Stunden betrug, dass Familien mit bis zu zehn Kindern in feuchten Ein-Zimmer-Löchern vegetieren mußten und das die Lebenserwartung so rapide abnahm, dass das Mittelalter in Relation dazu mitnichten eine finstere Epoche war.

Den Teilnehmern wurde zur thematischen Vertiefung entsprechende Literatur empfohlen, u.a. „Der Dschungel“ von Upton Sinclair, „Der Weg nach Wigan Pier“ und „Erledigt in Paris und London“ von George Orwell, sowie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ von Friedrich Engels. Der permanent erhobene Zeigefinger gegenüber weißen Menschen hinsichtlich ihrer Schuld an der Lage der Schwarzen dient lediglich der Verschleierung der wirklichen Ursache: Dem Profitstreben einer kleinen Schicht Privilegierter, die sprichwörtlich über Leichen zu gehen bereit ist. Es ist das ewige „devide et impera“, welches von den Systemprofiteuren veranstaltet wird und dem vor allem junge Leute nur zu leicht „auf den Leim gehen“. Das Missverstehen ihrerseits fußt auf zwei Ursachen: Erstens der irrigen Annahme, dass die jetzige Gesellschaftsordnung sich durch ihre Engagement in dieser (meist haben wir es ja nicht mit den klassischen Arbeiterbiografien bei den Protestierenden zu tun, sondern fast ausschließlich um Menschenaus dem akademischen und sozialen Bereich, die sich also quasi in staatstragenden Positionen befinden) irgendwie zu einer fundamental anderen entwickelt hat, als jene von vor 50-60 Jahren. Deswegen auch der Blödsinn mit den „alten weißen Männern“, was nichts anderes ist als eine Art Bilderstürmerei – ein typisches Vorgehen gegen eine abgelöste Epoche durch die Protagonisten der vermeintlich Neuen.

Und zweitens schlicht auf der Unkenntnis über die zugrundeliegende Systematik und den Unwillen, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Vielleicht (oder besser: ganz sicher) geschieht letzteres bewußt nicht, weil man ja im Inneren weiß, dass man damit seine eigene tragende Rolle im System, von der man finanziell meist gut profitiert, in Frage stellen müßte.“Black Lives Matter“ wird uns in Zukunft wohl weiter ein Begriff sein, aber wenn die dort engagierten Aktivisten sich nicht an ihren historischen Vorbildern (M.L. King u.a.) orientieren und weiterhin auf Krawall und Bilderstürmerei setzen, werden sie nur die Spaltung der Gesellschaften weiter vorantreiben und auf der weißen Bevölkerungsseite für eine Zunahme von Ressentiments sorgen.

Oberstes Anliegen von BLM müsste es sein, einen gesamtgesellschaftlichen und freien Diskurs anzustreben, in dem auf die wirklichen Ursachen von struktureller Benachteiligung ganzer Bevölkerungsschichten eingegangen wird – unabhängig von Hautfarbe und Herkunft. Ebenso würde eine selbstkritische Auseinandersetzung mit sinnloser und oft tödlicher Machogewalt vor allem innerhalb der schwarzen Gemeinschaft, aber auch in zunehmendem Maße gegen weiße Menschen, der Bewegung eine ernstzunehmendere Reputation verschaffen, v.a. außerhalb der schwarzen Community. In ihrer jetzigen Form sind sie lediglich Spielball höherer Interessen. Aktuell dienen sie beispielsweise als nützliche Fußtruppen des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers Joe Biden im Kampf gegen den derzeitigen Amtsinhaber Trump – wissend das dieser auf Ausschreitungen von BLM-Angehörigen oder -Sypathisanten mit verbaler Härte reagiert, um widerum sein eigenes Wählerklientel zu bedienen. Ein Vorankommen im notwendigen gesellschaftlichen Diskurs über die Ursachen von Armut, Perspektivlosigkeit und daraus resultierender Verrohung (über die Frage nach der Hautfarbe hinweg) sieht wahrlich anders aus. Eine lesenwerte Ausnahme bildet hier das Interview (v.a. der zweite Teil) des „Neuen Deutschland“ mit der schwarzen Berliner Sozialwissenschaftlerin Bafta Sarbo, welches hier nachgelesen werden kann: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1138373.rassismus-armut-nicht-nur-bunter-machen.html

Daraus: „Die meisten Schwarzen in den USA zum Beispiel sind nicht arm, weil sie diskriminiert werden. Sondern weil sie in armen Familien aufwachsen, schlechtere Ausbildung haben, in armen Vierteln wohnen und so weiter. Ihnen nützt Anti-Diskriminierung nichts, denn sie kommen nie in die Verlegenheit, mit Weißen auf Augenhöhe um die guten Jobs zu konkurrieren. Armut vererbt sich, auch in Deutschland, auch unter Chancengleichheit.“

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