Messergewalt als Folge einer Unkultur des Exzesses und die Mitschuld der Medien

Vor einigen Tagen lief im Fernsehen des Mitteldeutschen Rundfunks zum wiederholten Male die Reportage des Magazins Fakt „Messerland Deutschland – Messer machen Mörder“ aus dem Jahr 2019. Der Beitrag kann hier nachgesehen werden:

https://www.youtube.com/watch?v=Z8O_RYYPGC0&pbjreload=101

Die stete Zunahme des Problems kann anhand der steigenden Fallzahlen nicht geleugnet werden. Fast täglich kommt es in Deutschland (aber auch in anderen Ländern Europas) teils wegen Nichtigkeiten zum Einsatz von Messern – immer öfter mit fatalen Folgen. Aber während auf den Straßen Jugendliche und Erwachsene als Opfer unter dieser Problematik leiden, ergeht die bundesdeutsche Politik von „rechts“ bis „links“ sich maximal im Versuch der Symptombekämpfung: Auf der politisch konservativen Seite versucht man dem Problem herr zu werden, indem man „messerfreie Zonen“ schaffen will (CDU). In diesen (meist öffentliche Plätze und Treffpunkte) soll das Mitführen von Stichwaffen bestraft werden.

Wie das flächendeckend kontrolliert werden soll, sagen uns die Herren und Damen Christdemokraten freilich nicht, ebensowenig gestehen sie sich ein, dass Treffpunkte von jungen Menschen stets örtlich dynamisch sind. Man hat sich derzeit zwar an einem bestimmten Platz versammelt, der aber darauffolgende Woche schon ganz woanders sein kann. Man käme also mit dem Benennen der „messerfreien Zonen“ kaum hinterher. Und die Ursache, warum schon wegen kleiner Streitigkeiten Stichwaffen oft mit tödlicher Folge eingesetzt werden, benennen sie auch nicht – können und wollen sie nicht, weil es eine „Kultur“ infrage stellen würde, die sie grundsätzlich bejahen müssen. Das Gleiche gilt für die AfD. Hier kommt selbstredend hinzu, dass man die CDU-Forderung mit dem permanenten Verweis auf die Herkunft der Zustechenden garniert und so dem Wahlpöbel suggerieren möchte, dass sich das Problem der Messerangriffe mit der Rückführung von Asylbewerbern in den Griff bekommen ließe.

Nun, nicht wenige der Täter sind nachweislich nichtdeutscher Herkunft, aber das Problem, warum meist junge Männer zur Waffe greifen (und dabei Haftstrafen und die Zerstörung ihrer eigenen Zukunft riskieren) wird nicht versucht zu thematisieren – die AfD ergeht sich in reiner Symptombekämpfung. Der benannter überproportionaler Anteil an Messerangriffen von Tätern nichtdeutscher Herkunft macht es dem politisch „linken“ Spektrum in Deutschland gänzlich unmöglich, sich dieses Themas anzunehmen – obwohl gerade sie eine Erklärung und Antwort zu bieten hätten. Doch dazu gleich mehr.

Im Zuge ihrer postmodernen Abwendung von einer radikalen Klassenpolitik und der fatalen Hinwendung zur Identitäts- und Geschlechterfrage müssen sie jegliche Benennung von Tätern, Ursachen und ebenso von möglichen Auswegen aus dieser Misere unterbinden – weil es die eigenen Positionen, die man spätestens seit zwanzig Jahren vertritt und (man kann es nicht oft genug betonen) mit denen man sich radikal vom Volk abwendete aufs heftigste in Frage stellt. Noch schlimmer: Die Durchdringung gerade der Systemmedien und des Bildungswesens mit Vertretern und Anhängern dieser pseudolinken Doktrin verhindert wegen ihres totalitären Wahrheitsanspruches einen nötigen gesellschaftlichen Diskurs in dieser Problematik, so wie er auch in anderen Bereichen dringend nötig wäre.

Und doch gibt es noch linke politische Organisationen, die sich dieser Fehlentwicklung entsagten – auch wenn man sie nur noch jenseits der deutschen Grenzen findet. Zum Thema Messerangriffe möchten wir an dieser Stelle deshalb einen Beitrag wiedergeben (übersetzen), den die irische Linkspartei „Irish Republican Socialist Party“ (IRSP) vor wenigen Wochen auf ihre Netzseite hochlud, anläßlich sich auch dort steigernder Zahlen von Messerangriffen, und der unserer Meinung nach das Problem bei der Wurzelbenennt: der zugrundeliegenden Kultur des Exzesses und der Medien, die diese rücksichtslos unters Volkbringen. Vorweggenommen werden kann, dass sich beschriebenen Mißstände mit wenigen Abstrichen 1:1 auf alle westeuropäische Nationen übertragen lassen.

„Die Zunahme der Messerkriminalität ist ein Ergebnis unserer Anti-Kultur und ein Symptom der zunehmenden Entrechtung unserer Jugend. Nach einem weiteren schockierenden Messerangriff in der Stadt Cork am Samstagabend ruft die Irish Republican Socialist Party in der Stadt junge Menschen dazu auf, Messerverbrechen und geistlose Gewaltauf den Straßen aufzugeben. Wir übermitteln unsere Solidarität an den jungen Mann, der diesem bösartigen Überfall ausgesetzt war und an seine Familie. Wir hoffen, dass er vollständig genesen wird und dass er die physischen und psychischen Narben mit geringen Langzeitfolgen überwindet.

Bei diesem jüngsten Angriff, der sich im Vorort Carrigaline ereignete, griff eine große Gruppe junger Männer einen zufälligen Passanten mit Schlägen und Tritten an, gefolgt von einem wilden Messerangriff, während das Opfer bereits blutüberströmt und außer Gefecht gesetzt am Boden lag. Das Erschütterndste an diesem Angriff ist, dass die Täter das gesamte Verbrechen selbst aufgezeichnet haben, offenbar um es in sozialen Medien zu verbreiten. Und was ebenso erbärmlich ist, wie all das oben erwähnte feige Verhalten, ist die Tatsache, dass sie den Angriff mit falschem Londoner Akzent ausführten, während sie die Vorsilbe des Ballincollig-Eircodes riefen, als wollten sie die Kultur der Postleitzahlenkriege in London nachahmen. Obwohl dieser jüngste Messerattacke von vielen in einem ganz anderen Licht dargestellt wird als frühere ähnliche Vorfälle in Cork, unterscheidet sich dieser Angriff in Wirklichkeit nicht sehr von dem Messermordan Cameron Blair in der Stadt im vergangenen Januar.

Beide Angriffe wurden von jungen Männern ausgeführt, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, und zwar in einer höchst unnötigen und herzlosen Zurschaustellung von Gewalt und toxischer Männlichkeit (wir verwenden den Begriff „toxische Männlichkeit“ hier nicht im liberalen Sinne, sondern als Sozialisten und Anhänger der Sozialwissenschaft).Der Hauptunterschied besteht darin, dass es zum Glück keine Familie gibt, die den Untergang eines geliebten Menschen als Folge davon betrauern muss. Aber eine der Gemeinsamkeiten besteht darin, dass es wahrscheinlich eine weitere Familie gibt, die den Verlust eines Sohnes an den Strafvollzug erleidet. Und das alles im Namen der uralten, als „Machoness“ verkleideten Vorstellung von männlicher Unsicherheit. Das ist giftige Männlichkeit, und sie zerstört das Leben von Männern, das Leben ihrer Familien und das Leben derer, die am Ende ihrer Taten stehen.

In der kapitalistischen Gesellschaft werden wir permanent mit der Verherrlichung des Exzesses (in Form von Reichtum und dessen vermeintlichen Vorteilen) gefüttert. Für die Menschen der Arbeiterklasse ist dieser Exzess in der Regel unerreichbar und es gibt nur wenige Möglichkeiten der Armut zu entkommen. Diese führen gewöhnlich über Wege wie Musik, Sport oder Kriminalität. Und oft ist es eben gerade das Verbrechen, welches den Vorzug bekommt und vermeintlich den Aufstieg junger Menschen im Kapitalismus ermöglichen kann- mit der bereitwilligen Hilfe der Medien. Alle Medienplattformen und Rundfunkanstalten verkaufen das glamouröse Leben des Verbrechens, sei esdurch Fernsehen, Film oder Musik, weigern sich jedoch, ihre Rolle bei der Durchdringung der Gesellschaftmit eben diesen zu akzeptieren. Sonntagszeitungen verkaufen ihre Publikationen mit Berichten über Verbrechen, als ob sie eine Fantasy-Soap-Opera darstellen, in der sich die Massen verwöhnen lassen können.

Aber in Wirklichkeit wird die Zeitung „Gangland“ auf Kosten von Arbeiterfamilien und -gemeinschaften, zerrütteten Häusern und blutbefleckten Bürgersteigen produziert und verkauft. Ebenso geht es auf die Kosten der Arbeiterklasse, wenn die Medien uns immer wieder, Show um Show, Kokainmillionäre präsentieren und Lied um Lied über die, die die Straßen regieren, wiedergebenAnstelle von klassenbewussten und politischen Rappern wie Akala sättigen sie ihre Plattformen mit Individualismus und Exzess-Feiern. Kunst ahmt das Leben nach, und als solche sollte sie das ganze Leben widerspiegeln – auch die düstere Seite. Aber wenn der Lebensstil von Gangstern regelmäßig in einem solchen Ausmaß verherrlicht wird, dann ist es unvermeidlich, dass die Gesellschaft mit einer Zunahme von jungen Männern konfrontiert wird, die den Gangster spielen wollen.

Doch leider leben wir heute in einer irischen Gesellschaft, in der es keine wirkliche und echte Kultur (mehr) gibt. Unsere einheimische Kultur – und unsere Sprache – werden von den meisten Menschen mit Spott betrachtet. Dies ist ein offensichtlicher Nebeneffekt der jahrhundertelangen Kolonialisierung. Es sind langfristige psycho-soziologische Auswirkungen, die eine sehr nachteilige Wirkung auf die moderne irische Gesellschaft hat. Heute sind die jungen Menschen so weit von unserer reichen und alten Kultur und unserem Erbe entfernt, dass sie jenseits des Atlantiks nach einer Kultur suchen, die sie nachahmen können.

Dies führt zu einer verfälschten Anti-Kultur, die unter den Jugendlichen von heute sehr verbreitet ist. Das ist natürlich nicht allein ihre Schuld, sondern das Ergebnis der Akzeptanz einer anglo-amerikanischen Unkultur, die sich als solche entwickelt hat, durch ihre Eltern und Großeltern. Wie das irische Sprichwort sagt: mol an óg is tiocfaidh siad. Es sind die Alten, die den Grundstein für den Weg legen, den diese Generation geht. Und solange wir unseren Geist nicht von den kollektiven Fesseln der Kolonialisierung befreien, sind wir dazu bestimmt, eine seelenlose Imitation und ein kultureller Vorposten des angloamerikanischen Imperiums zu bleiben.

Wie der schreckliche Mord in der Bandon Road im vergangenen Januar hat auch dieser schreckliche Überfall die Öffentlichkeit in Cork zu Recht schockiert. Und auch wenn einige, die fragwürdige Motive haben, versuchen mögen, ihn zur Spaltung zu nutzen, sollte er in Wirklichkeit unsere Stadt vereinen. Uns vereinen im Kampf gegen die gewaltsamen Messerverbrechen, im Kampf gegen die giftige Männlichkeit, im Kampf gegen die Antikultur der Verherrlichung des Verbrechens und im Kampf gegen die Kräfte, die Mann gegen Mann, Frau gegen Frau und Arbeiter gegen Arbeiter ausspielen wollen.

Darüber hinaus schlagen wir die Einrichtung einer Jugendfriedensinitiative in ganz Cork und in unseren Gemeinden vor. Wir rufen die politischen Parteien, Gemeindeaktivisten und alle betroffenen Gremien auf,zusammenzukommen, um Lösungen gegen die wachsende und zunehmende Spirale der Gewalt unter Teilen unserer jungen Menschen zu finden. In der Einheit liegt Kraft. Ni neart go chur le chéile.

Quelle: https://irsp.ie/growth-in-knife-crime-is-a-result-of-our-anti-culture-and-a-symptom-of-the-growing-disenfranchisement-of-our-youth/

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