Das Ende der marktwirtschaftlichen Geschichte ist die Umkehr der Geschichte – Anmerkungen zu den neuerlichen Vorfällen von Paris bis Wien

Die religiös motivierten Attentate der letzten Zeit von Dresden über Paris und Nizza bis zum Amoklauf von Wien haben eines gemein: sie sind in ihrer Gesamtheit abstoßend brutal, aber v.a. sind sie irrational. Weder erreichen die Täter irgendetwas im Sinne „ihrer“ Religion, noch werden sie einen entscheidenden Einfluss auf das Leben derjenigen haben, die scheinbar jederzeit Opfer dieser wirren Taten sein könnten. Man geht im „freien Europa“ nach einer kurzen Zeit des Bedauerns und des Mitleides für die Opfer zum Tagesgeschäft über. Was bleibt einem auch anderes üblich, wähnt man sich doch am Ende der Geschichte (Fukuyama), zu der es keine Alternative mehr gibt. Einzig die Unsicherheit der vereinzelten Einzelnen steigt, die sich sodann noch fester an das ihnen seit Jahrzehnten eingemeißelte Ideal vom angeblich richtigen Leben in der westlichen Gesellschaft klammern. 

Der Politik bleibt nichts anderes übrig, als das Problem herunterzuspielen, auch wenn naturgemäß die jeweilige Opposition versucht daraus Kapital zu schlagen:

Jedesmal nach solchen verdammenswerten Taten schwingt sich das rechte und konservative Lager dazu auf, darauf hinzuweisen, dass mit einer rechtzeitigen Ausweisung (bzw. der erst gar nicht erfolgten Aufnahme) der potentiellen Täter, dieses und jenes hätte nicht passieren können. Das mag im Einzelfall stimmen, doch war beispielsweise der Attentäter von Wien ein Sohn derselbigen Stadt (auch wenn er familiäre Wurzeln auf dem Balkan hat). Und für die Zunahme der Amokläufe, seien sie nun rassisitisch motiviert wie in Christchurch (Neuseland) oder antijüdisch wie in Halle, hat die Rechte freilich auch keine Erklärung, als die des verwirrten Einzeltäters.

Die liberale Linke hingegen spielt die bekannte Klaviatur ihrer Opferhierarchie: Hier breites Entsetzen über Taten, die aus rassistischen Motiven begangen werden und einer großangelegten Suche nach Netzwerken, dort kleinlautes Bedauern mit dem Hinweis auf einen verwirrten Religionsfanatiker, der keineswegs für die ansonsten friedfertige Haltung des Islams in Haftung genommen werden könne.

So weit, so verhärtet die festgefahrenen Meinungsfronten. Eine wirkliche Diskussion möglicher Ursachen jedoch findet nicht (mehr) statt. Dabei gab es sie vor wenigen Jahrzehnten, zumindest im Ansatz. Wir geben, um daran zu erinnern und vielleicht als möglichen Anstoß, diese wieder aufzunehmen, nachfolgend in Auszügen einen Text des marxistischen Philosophen Robert Kurz (1943-2012) wieder, der seinerzeit im „Neuen Deutschland“ erschien. Zwar schon im Jahre 1994, doch aktueller den je…

„Realisten und Fundamentalisten –

Auf dem Weg zurück ins 17.Jahrhundert: Die ideologischen Selbsttäuschungen des Westens

In seinem Selbstverständnis ist der Westen die „freie“ Welt, die demokratische Welt, die vernünftige Welt, kurz: die beste aller möglichen Welten. Diese Welt sei pragmatisch und offen, ohne utopischen und totalitären Anspruch. Jeder soll „nach seiner Fasson selig werden“, wie es die Toleranz der europäischen Aufklärung versprochen hat. Und die Repräsentanten dieser Welt sagen, dass sie Realisten sind. Sie behaupten, dass ihre Institutionen, ihr Denken und Handeln sich in Übereinstimmung mit den „Naturgesetzen“ der Gesellschaft befinden, mit der „Realität“, wie sie nun einmal ist. Der Sozialismus, so hören wir, sei deswegen untergegangen, weil er „unrealistisch“ war. Zusammen mit dem Sozialismus soll jede Utopie einer grundsätzlichen Veränderung der Gesellschaft für immer begraben werden. Und die ehemaligen Kritiker des westlichen „way of life“ drängeln sich an der Kasse des „Realismus“, um noch rechtzeitig ihr Eintrittsbillett in die globale Marktwirtschaft zu lösen.

Diese Idylle der Toleranz und der globalen marktwirtschaftlichen Demokratie hat jedoch einen neuen Feind herausgefordert. Zwar ist der Sozialismus tot, aber dafür ist der religiöse Fundamentalismus in die Arena getreten. Der Fundamentalismus ist hässlich, viel hässlicher, als es der Sozialismus jemals sein konnte. Und in den Augen der westlichen Ideologen sieht er ziemlich arabisch aus (…)

Die „Verrückten Gottes“ sind überall auf dem Vormarsch. Woher kommen sie? Von anderen Planeten bestimmt nicht. Sie kommen direkt aus dem Inneren der marktwirtschaftlichen Welt selber. Der neoliberale „Realismus“ kennt in Wahrheit die Menschen sehr schlecht. Niemand kann heute mehr leugnen, dass sich in der liberalen Welt des Marktes die soziale Misere ausbreitet wie ein Flächenbrand. Nicht nur in Brasilien, sondern in der ganzen Welt zeigt sich die westliche Freiheit und Toleranz zynisch als eine „Demokratie der Apartheid“, wie sie Jurandir Freire Costa (Universität von Rio) treffend genannt hat. Gleichzeitig zerfallen die sozialen Bindungen nicht nur in den Slums, sondern in allen Klassen der Gesellschaft. Sowohl der reale Prozess des Marktes als auch die neoliberale Ideologie tendieren dazu, alle menschlichen Beziehungen in die Ökonomie aufzulösen. 1992 erhielt der US-Ökonom Gary S. Becker den Nobelpreis für das Theorem, dass auch ausserhalb des Marktes das gesamte menschliche Verhalten nach Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten ausgerichtet sei und mathematisch dargestellt werden könne, sogar in der Liebe.

Die „Realisten“ haben auf die soziale Misere ebensowenig eine Antwort wie auf die Misere der menschlichen Beziehungen und der Gefühle in einer ökonomisch durchrationalisierten Welt; sie zucken nur mit den Schultern und gehen zur marktwirtschaftlichen Tagesordnung über. Aber die Misere kann nicht stumm bleiben, sie muss eine Sprache finden. Und weil die rationale Sprache des Sozialismus tot ist, kehrt in der zerrütteten Gesellschaft die irrationale Sprache der Religion zurück; aber mit einer verwilderten, bösartig gewordenen Grammatik. Der ökonomische Neoliberalismus ruft „Marktwirtschaft“, und das pseudo-religiöse Echo ruft zurück: „Weltuntergang“. Es zeigt sich jetzt, dass der Sozialismus nicht nur eine Ideologie, sondern auch eine Art moralischer Filter gewesen war, ohne den die moderne Zivilisation gar nicht existieren kann. Ungefiltert erstickt die entfesselte Marktwirtschaft an ihrem eigenen moralischen Schmutz, der nicht mehr institutionell bearbeitet wird.

Fast 150 Jahre lang, bis in die 70er Jahre unseres Jahrhunderts, hatte jeder Schub der marktwirtschaftlichen Modernisierung gleichzeitig eine reformerische oder revolutionäre sozialistische Aktion der intellektuellen Jugend hervorgerufen. Immer wieder war die Solidarität mit den „Erniedrigten und Beleidigten“ ein starker Impuls für Opposition und radikale Gesellschaftskritik gerade unter der „goldenen Jugend“, der „schönsten Jugend“ der höheren Klassen in der Gesellschaft gewesen. Nach dem globalen Sieg des Marktes ist dieser Impuls erloschen.

Und auch im Westen verfällt die Jugend der Mittelschicht in sozialen Zynismus. Bei manchen Jugendlichen in Deutschland, die teure Autos fahren, ist es chic geworden, einen Button zu tragen mit der Aufschrift: „Eure Armut kotzt mich an“. Die restlichen Intellektuellen ästhetisieren das Elend und schlachten es kommerziell aus; die Qualen der Verhungernden werden für Werbespots instrumentalisiert. Die seelische Orientierung an der Logik des Marktes hat sogar einen „Kult des Bösen“ hervorgebracht. In seinem Buch über die „Renaissance des Bösen“ sagt der deutsche Soziologe Alexander Schuller: „Nicht mehr der Fortschritt und die Vernunft okkupieren unseren Alltag und unsere Phantasie, sondern das Böse. Es gibt seit dem Fall des Sozialismus eine Vermehrung an empirisch messbarer Grausamkeit, es gibt überall unverständliche Bosheit“. Wenn aber die Jugend der Mittelschicht moralisch verwahrlost, dann können auch die Kinder der Armen ihre Misere nicht mehr rational und moralisch anklagen (…).

Der Fundamentalismus hebt diesen Zustand der Demoralisation nicht auf, er gibt ihm nur einen irrationalen ideellen Ausdruck. Wenn diese pseudo-religiöse Regression noch den Rest einer verlorenen Hoffnung aufgreift, die von der Geschichte unerledigt zu den Akten gelegt worden ist, dann ist es der blass gewordene Wunsch, endlich von der Marktwirtschaft in Ruhe gelassen zu werden, zu einer in sich ruhenden Ordnung des Sozialen zurückzufinden und am Abend auf einer Bank vor dem Haus sitzen zu können, ohne voll Furcht an den nächsten Tag denken zu müssen. Aber der Fundamentalismus hat kein Programm für die soziale Emanzipation, sondern nur für die Ideologisierung der blinden Aggressionen, die das Misslingen der Emanzipation zurückgelassen hat. Sein ganzes Programm erschöpft sich in einem religiös verkleideten Impuls (…)

Mit den authentischen religiösen Traditionen, auf die sie (die Fundamentalisten) sich berufen, haben sie kaum mehr als den Namen gemein. Sie sind ein Produkt der zerfallenden Moderne in den westlichen und in den verwestlichten Gesellschaften des Weltmarkts. Gerade weil sie keine historische Perspektive zu bieten haben, werden sie für die grossen und kleinen „Führer“ zu alternativen Möglichkeiten einer Karriere auf der Welle des Ressentiments. (…)

Das Ende der Geschichte ist die Umkehr der Geschichte. Am Anfang der marktwirtschaftlichen Modernisierung standen die Religionskriege des frühen 17. Jahrhunderts. Diese Epoche wurde abgelöst durch den Absolutismus mit seinen staatsökonomischen, merkantilistischen Strukturen. Erst im 19. Jahrhundert blühte der Liberalismus des freien Marktes. Wie aber sollen wir das 20. Jahrhundert begreifen? Der Form nach hat es die Totalität des Marktes vollendet. Aber gleichzeitig war es ein Jahrhundert der Krisen, in dem die Geschichte begann, sich nach rückwärts zu wenden. Die staatlichen Kriegswirtschaften der beiden Weltkriege, der etatistische Sozialismus des Ostens wie des Südens und auch der Keynesianismus des Westens mit seinen staatsökonomischen Elementen können gewissermassen als Rückkehr in das merkantilistische Zeitalter auf einer höheren Entwicklungsstufe verstanden werden. Jetzt, nach dem Bankrott aller Varianten der modernen Staatsökonomie, verspricht der Neoliberalismus ein neues goldenes Zeitalter des freien Marktes. Aber wenn die Geschichte sich wirklich nach rückwärts gedreht hat, dann steht uns ein ganz anderes Zeitalter bevor. Der US-Politologe Samuel P. Huntington (Harvard) sagt mehr, als er weiss, wenn er die Hypothese aufstellt, dass die Zeit der Konflikte zwischen Ideologien und Nationalstaaten abgelöst werde durch einen „Konflikt der Zivilisationen“. Was heisst das anderes, als dass der Prozess der marktwirtschaftlichen Modernisierung, bevor er endgültig von einem schwarzen Loch der Geschichte verschluckt wird, zurückkehrt in das Zeitalter der religiösen Militanz und des Dreissigjährigen Krieges?

Der Neoliberalismus wird mit unwiderstehlicher Gewalt in diese Tendenz hineingezogen, weil er mit seiner „schwarzen Utopie“ des totalen Marktes selber einen totalitären religiösen Kern besitzt. Der Sozialismus dagegen war nicht nur Staatsökonomie, sondern auch die Idee einer solidarischen Gesellschaft, die sich bewusst selbst reguliert statt irrationalen Prinzipien zu folgen. Wenn wir nicht wollen, dass das 21. Jahrhundert zu einer neuen Epoche der Religionskriege wird, dann müssen wir den Sozialismus in einer anderen, nicht mehr staatsökonomischen Form neu formulieren. Nur auf diese Weise ist es möglich, dass die Geschichte sich wieder öffnet.

Quelle: https://www.exit-online.org/link.php?tab=autoren&kat=Robert%20Kurz&ktext=Realisten%20und%20Fundamentalisten

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