Über Nationalismus – ein Essay von George Orwell

Eine Buchbesprechung.

Der Brite George Orwell (eigentlich Eric Arthur Blair) wurde bekannt durch seine dystopischen Romane „1984“ und „Farm der Tiere“, in denen er totalitäre Staaten, deren Herrschaftsmethoden und Machtstrukturen beschreibt. Seine Werke erfahren seit dem letzten Jahr wieder eine breitere Resonanz. Die genannten Bücher wurden neu aufgelegt und mit aktuellen Vorworten versehen. In Zeiten eines in den Alltag der Menschen durchgreifenden Maßnahmenstaates und eines aufziehenden digitalen Überwachungskapitalismus ist das sicherlich kein Zufall.

Außerdem im letzten Jahr erstmalig auf Deutsch erschien der Essay „Über Nationalismus“, welches in den letzten Momenten des zweiten Weltkrieges geschrieben und somit unter dem unmittelbaren Eindruck größter politischer und gesellschaftlicher Verwerfungen verfasst wurde. Der einst demokratische Sozialist Orwell wird auf dem Buchrücken als Ideologiekritiker bezeichnet, der sich mit dem nationalistischen Denken auseinandersetzt, welches er vom Patriotismus abzugrenzen versucht. Ob seine ideologische Auseinandersetzung fruchtet und warum der Titel des Buches nicht das hält, was er verspricht, soll nachfolgend geklärt werden.

Orwell ist so ehrlich und geht gleich zu Beginn seiner Ausführungen auf die eigenen Unzulänglichkeiten und Mängel seiner Ideologiekritik ein. Für das, was er so gerne beschreiben und kritisieren möchte hat er nämlich noch keine griffige Bezeichnung ausfindig machen können und so musste der Begriff des Nationalismus ersatzweise dafür herhalten. Und hier liegt auch der Hauptkritikpunkt unsererseits. Auf den Nationalismus als Phänomen und seinen Spielarten wird nur verkürzt und am Rande eingegangen. Die weiteren Gedankengänge sind teils weit von jeglicher Nationalismus-Definition (egal in welcher Beziehung man dazu steht) entfernt oder bewegen sich auf Allgemeinplätzen, so dass er schlichtweg auch als Ersatzbegriff eine schlechte Wahl darstellt.

Wer sich also nicht weiter für die Person George Orwell interessiert und hier auf einen historischen und analytischen Rekurs der verschiedenen Nationalismen hofft, sollte hier nicht zugreifen.

Wer sich aber grundsätzlich für Orwell interessiert und hier kommen wir dem Inhalt näher, sich mit kulturkämpferischer Auseinandersetzungen in Form von Gruppenidentitäten und übersteigerter Überidentifikation beschäftigen möchte, greife hier zu. Denn hier gibt es viel positives und Interessantes zu bergen und trotz des zeitlichen Abstands kann vieles auch für unsere Gegenwart fruchtbar gemacht werden. Ja, einige Argumentationsstränge sind gar höchst aktuell und lassen sich erst heute in einer ungeahnten Konzentration und Intensivität vorfinden, die Orwell seinerzeit nur schwach ausgeprägt vorfand.

Kommen wir konkret zum Inhalt. Was ist für Orwell Nationalismus und wie grenzt er diesen vom Patriotismus ab?

Zum einen geht er von einer biologistischen Annahme aus, der Nationalismus klassifiziere Menschen wie Insekten und versehe Gruppen und Millionen von Menschen mit dem Etikett „gut“ oder „böse.“ Zum anderen legt er viel Wert auf die Feststellung, dass der Nationalismus sich zwangsläufig nur mit einer Nation identifiziere, diese jenseits von Gut und Böse verorte und keine andere Pflicht anzuerkennen, als nur deren Interessen zu verteidigen und zu fördern.

Beinahe beiläufig erwähnt er eine Unterscheidung zwischen positiven und negativen Nationalismus und wie jeweils deren Energien in Beförderung oder Verunglimpfung kanalisiert werden. Trotz des Unterschiedes kreise das Denken stets um Siege und Niederlagen, Triumphe und Demütigungen. Nationalismus sei Machthunger gedämpft durch Selbsttäuschung.

Im Patriotismus sieht er eine starke Verbundenheit zu einem bestimmten Ort und einer Lebensweise, die man zwar für die beste hält, aber diese nicht anderen Menschen aufzwingen möchte. „Patriotismus ist von Natur aus defensiv, militärisch wie kulturell“ so Orwell.

Im weiteren Verlauf kommt Orwell zwar immer wieder auf den Nationalismus zurück, aber dort verlässt er, wie Anfangs schon beschrieben, und kritisiert den Rahmen jeglicher Definition des Nationalismus.

Ein Beispiel soll das hier konkret verdeutlichen: Nach dem Orwell den Nationalismus in einer bestimmten Art und Weise auch im Kommunismus der UdSSR ausfindig gemacht hat (Strahlkraft nach außen, ideologische Vormachtstellung) gelangt er zum politischen Katholizismus. Gilberth Keith Chesterton wird hier als Extrembeispiel vorgeführt, an dessen Person und seiner Entwicklung Orwell den Nationalismus katholischer Prägung skizziert.

Chesterton, einst ein Schriftsteller mit großer Begabung, schiebt seine Objektivität und intellektuelle Aufrichtigkeit beiseite und verschreibt sich voll und ganz der römisch – katholischen Propaganda. Alle seine nachfolgenden Werke bilden eine endlose Wiederholung katholischer Überlegenheit gegenüber Protestanten und Heiden. Orwell schlägt hier harte Töne gegen Chesterton an, der die Wirklichkeit über Religionen, Völker und Nationen völlig verschoben und rein subjektiv durch die katholische Brille betrachtet.

Das hat letztlich dann aber nichts mehr mit Nationalismus zu tun. Hier geht es mehr um ein Denken in Filterblasen, um Geisteshaltungen und Denksysteme. Seine Ideologiekritik geht vielmehr in die Richtung der Psychoanalytik. Wenn man das Büchlein auf seine Aktualität abtasten möchte, kann es aus der Sicht der postmodernen Identitätspolitik gelesen werden. Extremer (und falsch ausgelegter, weil sektiererischer) Feminismus, vermeintlicher Anti-Rassismus und Bewegungen á la „Black lives matter“ sind hier die Stichworte.

Interessanterweise macht Orwell die treibenden Kräfte dieser geistigen Deformierungen in der britischen Intelligenzia aus, die alle Möglichkeiten der Öffentlichkeit ausnutzt, um ihren subjektiven und sektiererischen Ansichten einen Kollektivanspruch zu verleihen. Kleine Teilbereiche des Lebens oder Minderheitenpositionen werden so zu einer neuen Objektivität erhoben und überschatten die Gesamtbereiche einer jeden Gesellschaft. Genauso erleben wir es heute.

In dem Kapital über den „übertragenden Nationalismus“ stecken wir mitten in den aktuellen Debatten und Konflikten. Übertragen bedeutet hier ganz einfach spiegelbildlich, umgekehrt. Orwell schreibt hier von einem neuen Hautfarbenbewusstsein, was sich seinerzeit herauszubilden begann und von der Intelligenzia vorangetrieben wurde. Von einer vermeintlichen Überlegenheit der weißen Rasse hatte man sich verabschiedet und stattdessen die spiegelbildliche Variante etabliert, in dem man nun die Überlegenheit der farbigen Rassen herbeischrieb und sich diesen unterwerfen solle. Also schon in dieser Zeit wurde der Samen gesät, für einen aufkeimenden Schuldkult, der Selbstgeißelung und der Unterwerfung. Orwell spricht hier folgerichtig von einem Resultat aus Frustration und Masochismus und nahm das vorweg, was der intellektuelle Rechte Armin Mohler Jahrzehnte später als „Nationalmasochismus“ betitelte.

Das Büchlein wird um ein Nachwort von Armin Nassehi bereichert. Nassehi ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an einer Universität in München.

Auch er stellt die Schrift in den Zusammenhang historischer und vorwiegend aktueller tagespolitischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und beschreibt und beklagt die Spaltungen und verhärteten Fronten. Er schreibt von Innen-Außen-Dichotomien, dem immer weiterem Abbau wechselseitiger Verständigungen die letztlich in Unversöhnlichkeit, der Nicht-Erreichbarkeit von Antipoden führt.

Auch hier verharrt man nicht einseitig auf Beschreibungen aufstrebender Nationalismen oder des Rechtspopulismus in Europa, sondern erwähnt auch explizit die extremen Formen des Klimaprotestes und das Aufspalten zwischen einem verunsicherten traditionellen Milieu und einem erstarkenden urbanen linksliberalen Milieu.

Abschließend bleibt zu sagen, dass der Buchtitel zwar nicht das hält, was er verspricht, aber es sich doch um ein interessantes und lesbares Buch handelt, weil es aktuelle Entwicklungen und Zustände zu einer Zeit beschreibt, in der die meisten Menschen sich diese nicht ansatzweise zu denken wagten. Orwell bewies damit zum wiederholten Male seine analytisch-prophetischen Fähigkeiten.

George Orwell, Über Nationalismus, 1945, ISBN 978-3-423-14737-8

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