Das bewaffnete Wort. Zur Erinnerung an Günter Maschke.

Der einst in Erfurt geborene Günter Maschke verstarb am 7. Februar in Frankfurt am Main. In den Rechten Medien, wie auch vereinzelt im Mainstream erfolgten einige Nachrufe. Wir haben an dieser Stelle eine kleine Presseschau zusammengetragen. Das liest sich nicht nur spannender und ist abwechslungsreicher als ein langer Aufsatz aus einer Feder, sondern erzeugt auch ein Panoramabild über Maschke.

Laut Lorenz Jäger war Maschke „erst ganz links und dann ganz rechts, alles mit ziemlich heftigen Ausschlägen“. Für „einen Rechten“ seien „seine Schimpftiraden gegen die lieben Deutschen schwer erträglich“ gewesen und „für einen Linken sein Sarkasmus gegenüber allen Utopien“. „Eindrucksvoll“ sei „seine geistige und am Ende die persönliche Statur“ gewesen; „die eines literarischen Menschen, der in den Siebzigerjahren Neudrucke von vergessenen Klassikern der nicht kommunistischen Linken auf den Weg brachte“ und der in der FAZ „die politische Ideengeschichte auf dem höchsten Niveau“ ausgebreitet habe. Außerdem verdanke man ihm „hervorragende Editionen der reaktionären Denker“ Carl Schmitt und Donoso Cortés. Sein „Sinn für Machtverhältnisse“ sei „so ausgeprägt“ gewesen, dass Rudi Dutschke ihn „Maschkiavelli“ genannt habe. In der späteren Phase seines Wirkens sei Maschke zum „Ultra-Reaktionär geworden“, der aber keine These „seiner Hausgötter“ ungeprüft übernommen habe. Er sei ein „Rechter, aber kein Rechthaber“ gewesen. Die „fundamentale Distanz zum politischen System seiner Heimat, die ihn als junger Mensch motivierte“, habe ihn bis zuletzt geprägt.

Willi Winkler charakterisierte Maschke in einem Nachruf für die Süddeutsche Zeitung als „der Unberechenbarste unter den sogenannten Achtundsechzigern, manche werden sagen: der Verrückteste, und mit Sicherheit in seinem selbstbewussten Irresein eine literarische Gestalt, ein anderer Meursault, der „Fremde“ in Albert Camus‚ Roman, den er wieder und wieder las“. Die Konstanten in Maschkes Leben seien sein existenzieller Fundamentalismus sowie seine „ungerührt antidemokratisch und antiamerikanisch“ getönte Haltung gewesen.

Volker Weiß schrieb in einem Nachruf, dass andere „Überläufer“ von der Linken zur Rechten zwar lauter gewesen seien, ihren Weg aber „meist in der Holzklasse ihrer Ressentiments zurücklegten“, während Maschke „im Salonwagen der Theorie die Fronten“ gewechselt habe. Dabei habe er durchgängig „die elitäre Haltung des Kaders“ gezeigt. Jürgen Habermas habe gesagt, dass Maschke der „einzige wirkliche Renegat der 68er-Bewegung“ gewesen sei. Geistig sei Maschke eher in der romanischen Welt als in Deutschland zu Hause und „mehr Reaktionär als Nationalist“ gewesen. Er sei „der letzte ernstzunehmende Theoriearbeiter der extremen Rechten in Deutschland“ gewesen. Seine „Forderung an die Rechte, wieder ernsthafter, intellektueller und wissenschaftlicher zu werden“, sei weitgehend ungehört geblieben. (Auszug aus Wikipedia-ausnahmsweise!)

Das folgende Interview (von 2020) für eigentümlich frei führte der Schriftsteller Michael Klonovsky mit ihm.

Der altlinke Neurechte Günter Maschke kam von Karl Marx zu Carl Schmitt. Der Schriftsteller Michael Klonovsky sprach für eigentümlich frei mit Maschke beim Wein über Weib und Gesang. Maschke erklärt uns, warum er die „Black Lives Matter“-Bewegung lächerlich findet, warum er die USA für einen Feind hält – und was ein „Petrolero“ ist.

ef: Herr Maschke, was würde Carl Schmitt zu „Black Lives Matter“ sagen?

Maschke: Ich glaube, er würde ein paar mehr oder weniger gute Witze darüber machen. 

ef: Er würde diese Bewegung nicht für bedrohlich halten?

Maschke: Allenfalls im Sinne der Feststellung von Gehlen: Allem, was noch steht, wird das Mark aus den Knochen geblasen. Und dazu dient noch „Black Lives Matter“.

ef: Und was halten Sie von der Sache?

Maschke: Ich finde es lächerlich, wegen Vorfällen auf amerikanischen Straßen hier in Deutschland zu demonstrieren. Ich bin ja ein Extremist der Nichteinmischung; wenn in Frankreich der Kannibalismus tobt, aber es werden keine Deutschen aufgefressen, dann geht es uns einen Dreck an. 

ef: Auf der Gegenseite agieren aber Kannibalen der Einmischung, die sich nicht zu Unrecht als global handelndes Kollektiv empfinden.

Maschke: Der Mondialismus oder die Globalisierung sind Tatsachen, gewiss, aber mich interessieren diese Vorfälle nur in Bezug auf unser Verhältnis zu den USA. Sie werden ja ständig dazu animiert, sich eine Meinung über Dinge anzuquälen, von denen Sie im Grunde nichts oder sehr wenig wissen. Die Informationsgrundlage soll dann allen Ernstes das sein, was in der Zeitung steht. Ich habe dazu keine Meinung. 

ef: Das ist eine Privatgelehrtenposition. 

Maschke: Ja, sicher. Ich verstehe entweder nichts oder ich verstehe nur zu gut. Ich habe kein Interesse, jahrzehntelang dieselben Debatten zu führen, mit denselben Leuten obendrein. Was soll das?

ef: Ist es Ihnen auch egal, ob Trump wiedergewählt wird? Oder ob die Demokraten vielleicht schnell noch Michelle Obama nominieren?

Maschke: Die USA bleiben uns immer feind, das wird hier nur nicht erkannt. Ich bin der Ansicht, wir müssen mit Russland ein Arrangement finden. Die Angelsachen haben immer eine deutsch-russische Allianz gefürchtet. Also sollte man das tun. 

ef: Russland schafft es nicht, eine solide Volkswirtschaft auf die Beine zu stellen. Wenn die Bodenschätze einmal aufgebraucht sind, wird es ein unbedeutendes Schwellenland mit einer bedeutenden Armee sein. 

Maschke: Wir steigen mit noch größerer Sicherheit ab. Europa können Sie vergessen. Die EU wird zwar weiter bestehen in irgendeiner Form als administrativer ökonomischer Körper, aber sie wird als Weltmachtfaktor nicht existieren können. Man erlebt es immer wieder auf Diskussionen, dass einer ausruft: „Das ist doch nicht der Untergang des Abendlandes!“ Ich möchte dann immer antworten: „Mein Herr, das Abendland ist am 4. August 1914 untergegangen, ist das noch nicht zu Ihnen durchgedrungen?“ Europa wird zu einer Versammlung dritt- oder viertklassiger Mächte herabsinken. Das ist unabwendbar, weil es kein europäisches „Wir“ gibt, das hat die sogenannte Flüchtlingskrise gezeigt. Außerdem verlässt eine Atommacht den Bund. Und dann sagt Frau von der Leyen, die EU müsse die Sprache der Macht lernen. Und niemand im Plenum lacht! Ich meine, auch die Dummheit sollte ihre Grenzen haben. Wir haben keine gemeinsame Armee, sie ist ja auch nicht möglich, wir haben kein „Wir“, wir sind uns nicht einmal darüber einig, wer unser Feind ist, wir nehmen alle Fußkranken auf, mal ganz davon abgesehen, was demographisch los ist. Die Homogenität des Bundes, wo ist die? Es gibt keine Europa-Idee. Was vereint einen Finnen mit einem Sizilianer? 

ef: Ein Progressist würde sagen: die Idee der Menschrechte.

Maschke: Das ist der größte Unsinn. Der Mensch hat so viele Rechte wie ein Gürteltier, sagte Vacher de Lapouge. Als Mensch habe ich überhaupt keine Rechte. Ich habe Rechte als Deutscher oder als Franzose oder als Engländer und so weiter. Die Menschenrechte sind etwas Fatales. Man wird wegen ihnen handlungsunfähig. Diese Forderungen kennen ja keine Grenzen. Es ist wie bei der Frauenemanzipazi: Die hat auch keine Grenzen. Wenn Sie eine Forderung erfüllen, folgt die nächste und so immer weiter.

ef: Mit Russland zusammen wären wir im System Putin. Was wäre daran besser? Was würde uns das bringen?

Maschke: Die haben die Rohstoffe, wir die Wirtschaft. Die haben außerdem eine wunderbare Waffentechnik, die sie trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten erhalten. Wir hätten einen blockadefesten Raum. Wir müssen ja mit Krieg rechnen irgendwann.

ef: Gegen wen?

Maschke: Schauen Sie ins Südchinesische Meer. Mir hat ein Bekannter erzählt, dass in der chinesischen Armeezeitung geschrieben wird: „Wir sind dazu da, um Krieg zu führen, nicht, um den Frieden zu sichern oder nur zur Verteidigung.“ Der Krieg wird ganz klar bejaht. Das findet man in westlichen Ländern nicht. Das Problem der Chinesen ist, dass sie keine verkaufbare Kultur haben, dass sie in ihrer ganzen Umgebung unbeliebt sind, dass sie Indien als Feind haben. Aber die Welt wird immer wieder neu verteilt. Man glaubt nur, es wäre heute anders. 

ef: Sie reden von Krieg. Ist nicht die Bürgerkriegswahrscheinlichkeit höher? Allein wenn man sieht, was sich in den USA zusammenbraut. 

Maschke: Ich kann nur mit den Achseln zucken. Bürgerkrieg ist etwas anderes als ein paar gewaltsame Demos. Bürgerkrieg impliziert die Aufspaltung der Armee und der Polizei.

ef: Sie sagen, die Europäer sind sich nicht einig, wer der Feind ist. Wer ist es denn? Hat Deutschland Feinde?

Maschke: Ja, selbst in der EU. Zu einem wahren Ausbruch der Feindschaft kommt es, wenn Deutschland nicht mehr zahlen kann. Dann werden wir wieder die Nazis sein.

ef: Und warum sind die Vereinigten Staaten unser Feind?

Maschke: Weil sie den Krieg diskriminieren, indem sie unfähig zum Friedensschluss sind. Die Amerikaner könnten nur gerechte Kriege verantworten, in denen ihnen alles erlaubt ist, weil sie ja gegen Verbrecher Krieg führen. Mit Verbrechern aber schließt man keinen Frieden, sondern man vernichtet sie, gestaltet ihre Länder nach amerikanischen Vorstellungen um und hinterlässt dort Militärbasen. Diese Wendung zum diskriminierenden Kriegsbegriff zerstörte das alte Völkerrecht.

ef: Gilt das auch unter Trump?

Maschke: Auch. Immerhin hat er keine Lust auf militärische Interventionen. Ich weiß nicht, wie der Apparat um ihn besetzt ist, ob er ständig Leute rausschmeißen muss, weil sie ihm an den Lebensnerv gehen. Aber ich finde ihn manchmal schon sehr clownesk und bizarr.

ef: Die meisten Rechten sagen, der Islam ist der Feind.

Maschke: Wenn es nicht gelingt, die Religion, welche es auch sei, zu disziplinieren, ist sie immer gefährlich. Die Frage ist, ob der Islam, der ja keine Einheitlichkeit besitzt, an der modernen Welt zerbricht oder diese an ihm. An und für sich sehe ich das gelassener als viele Freunde. Hier vor meiner Tür wimmelt es von Muslimen. Die sind praktisch Atheisten, sie haben null Interesse an der Religion, außer bei Schweinewurst, da hört der Spaß auf. Bei einem beträchtlichen Teil reduziert sich die Religion auf Speisevorschriften. 

ef: Und die Frauen, die als Besitz verteidigt werden.

Maschke: Das kenne ich auch schon anders. Ich sehe, wie die Frauen auf der Straße ihre Männer förmlich niederkartätschen.

ef: Das sind dann die, die schon länger hier leben.

Maschke: Wahrscheinlich.

ef: Ist Deutschland eine Demokratie?

Maschke: Man verwechselt das immer, man sagt: Demokratie, das seien Menschenrechte, die Rechte der Opposition, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Pipapo, doch das sind liberale Ideen, keine demokratischen. Frankreich war 1793 auch eine Demokratie. Wenn gesagt wird, die Rothaarigen müssen alle aufgehängt werden, und die Mehrheit das will, ist das ein demokratischer Akt. Die Demokratie ist nur eine Methode – sie hat gar keinen Inhalt.

ef: Doch, den Demos. 

Maschke: Dann ist es immerhin der Demos eines Volkes. Selbst das Grundgesetz ist das Grundgesetz eines Volkes, es gilt für das deutsche Volk, für niemand anderes, so steht es dort geschrieben.

ef: Wenn jetzt die seit 2015 hier illegal Hereingeschneiten einfach eingebürgert werden, dann gehören sie zum deutschen Volk. 

Maschke: Eben. Dann haben wir den Salat. 

ef: Damit wird der Begriff „deutsches Volk“ ziemlich schwammig.

Maschke: Das ist er schon. Das ist eine „Bevölkerung“. 

ef: Die früher oder später so partikularisiert wird, dass sie keinen gemeinsamen Willen mehr bilden kann.

Maschke: Das ist das Ziel. Damit kommen wir zu diesen berühmten Verschwörungstheorien, die angeblich samt und sonders Lügen sind. Ich würde eher von Aufklärung sprechen. Verschwörungen müssen ja nicht mitternachts auf Prager Friedhöfen stattfinden, die gibt’s in jedem Turnverein, egal, wie man das nennt, zum Beispiel „Intrige“. Herr Kohl sprach vom „Ostküstennetzwerk“. Ich kann das Politische ohne Verschwörungen gar nicht denken. Man muss den Begriff nur entpathetisieren. Als Politiker schnapse ich dies und das mit meinen Leuten aus, und dann überlege ich, wie ich es der dummen Bevölkerung verkaufe. Da muss ich zuerst viel versprechen – wenn ich der Bevölkerung sage, sie soll die Schnauze halten, arbeiten und sich mit weniger zufriedengeben, möchte ich mal die Wählerzahlen sehen – und dann nach den Wahlen die meisten Versprechen brechen. Weil es nach Kassenlage gar nicht anders geht! Ich muss mich zuerst vor dem „obersten Souverän“, wie der Sprachkünstler Kohl das Volk nannte, wälzen, und dann muss ich ihm das Fell über die Ohren ziehen. Das ist der Mechanismus des Systems. Schumpeter sagt: Demokratie ist Herrschaft durch Lüge. Das ist wahrscheinlich auch eine Verschwörungstheorie? In der deutschen Demokratie hat ein Politiker nur Macht, wenn er an der deutschen Ohnmacht arbeitet.

ef: Wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen den Optionen China, also vollüberwachter Staatskapitalismus mit Technologie- und Sicherheitsversprechen, Kalifat und liberaler Westen, was würden Sie wählen?

Maschke: Wer regiert? Verstehen Sie, ich bin in dieser Frage ganz nihilistisch. Ich werde oft konsultiert, auch von Jüngeren, die wissen wollen, wie es wird, und mein Glamour hat stark nachgelassen, weil ich denen nichts eröffne. Die sind ja meistens bemüht und protestieren gegen dies und das, und dann sind sie ganz erbost, dass sie nicht Beamte werden können, weil der Verfassungsschutz sie doch mal notiert hat. Dafür, dass die Beamte werden dürfen, kämpfe ich jedenfalls nicht. Und dann gibt es Leute, die wollen irgendwann von Anne Will eingeladen werden. Wenn die das machte, wäre bei denen die Luft schon raus. Ich würde das an Anne Wills Stelle sofort tun.

ef: Das geht ja nicht. Man braucht einen Teufel. Einer muss diese Rolle spielen, damit die Guten jemanden haben, gegen den sie sich zusammenrotten können.

Maschke: Ja, klar. Es gibt einen interessanten Menschen, Klaus Kunze, ein junger Rechtsanwalt, dessen Mantra lautete: Wir sind die verfassungstreue Rechte. Irgendwie ist das nicht angekommen. Die Satanisierung dieser überwiegend harmlosen Gestalten geht inzwischen sehr weit. Der normale Bürger lässt sich schnell aufhetzen und wiederholt, was ihm journalistisch serviert wird. Das ist zum Teil reine Hetze, und dann klagen die immer über Hetze. Letztlich ist es eine riesige Projektionsmaschine: Man wirft dem kleinen schwachen Feind das vor, was man selber mit großen Machtmitteln tut. Sie müssen nur diese Flüchtlingspolitik fatal finden, dann sind Sie schon der „Hetzer“ oder der „Fremdenfeind“. Aber der Fremde ist – oft – der Feind. Das sagt schon die Philologie, wenn man in alle möglichen Sprachen steigt. 

ef: Zumindest ist er fremd.

Maschke: Gegen diese Tatsache gibt es die Floskel: „Wir sind alle Menschen.“ Eigentlich gibt es gar keine Menschen. Der Mensch ist Zoologie. De Maistre hat gesagt: „Ich habe noch nie Menschen gesehen, immer nur Deutsche, Italiener, Franzosen, Russen.“ Montesquieu hat zwar behauptet, dass es in Persien Menschen gebe – vergleiche die „Lettres persanes“ –, ich weiß es nicht, ich war nicht dort, ich kann nichts dazu sagen. Das meine ich. „Mensch“ ist kein politischer Begriff. „Menschheit“ ist kein politischer Begriff.

ef: Die große Hoffnung der Linken lautet, dass sich die Völker dereinst zur Menschheit vereinheitlichen.

Maschke: Die glauben, es gebe nur eine Auslegung davon, wohin die Reise geht. Zum Beispiel Herr Westerwelle, der hat eine schwachsinnige Dissertation geschrieben über die Jugendorganisationen der Parteien, erschienen bei Nomos, der predigte: „Bildung, Bildung über alles.“ Er meinte, dass Bildung überall zu den gleichen Ergebnissen führen muss, dass Bildung aus jedem einen liberalen Westler macht. Dabei wissen wir doch, dass das nicht stimmt. In meinen Aufsatz „Das bewaffnete Wort“ habe ich gezeigt, wie der Sendero Luminoso („Leuchtender Pfad“) in Peru von der Bildungsexplosion profitierte. Diese Guerilla und Terrororganisation war viel gebildeter als der Durchschnitt.

ef: Bildung kann in jede politische Anschauung münden. 

Maschke: Ja, natürlich. Wobei wir noch von der Qualität der Bildung reden müssen. Von arbeitslosen Bachelors wird es hier bald nur so wimmeln. Das hat mit vollkommen betrügerisch nach oben korrigierten Abiturnoten zu tun. Diese Bevölkerung wird angeblich immer klüger! Ich habe 1960 noch ein Begabtenabitur gemacht nach meiner Lehre, vorher war ich an einer Mittelschule bei Trier, diese Schule wurde 1940 gegründet, und in 20 Jahren hat es eine Eins in Deutsch gegeben – für mich. Heute bekommt jeder Depp eine Eins. Wenn ich die Klassenarbeiten von jungen Schülern sehe, da wird mit Eins Minus benotet, wofür wir eine Drei bekommen hätten. Eine ganze Generation wächst in diesem Betrug auf. Mit zwölf sind die schon Betrüger. Sie werden moralisch korrumpiert, und die Damen und Herren Pädagogen machen mit. 

ef: Das Ziel ist die Einebnung aller Differenzen.

Maschke: Ja. Weil „wir alle Menschen sind“, wie die erwähnte Floskel heißt. Eines der sinnlosesten Worte in diesem Zusammenhang ist: „unterprivilegiert“. Wieso „unter“? Sollen alle Privilegien haben? Was heißt denn Privileg?

ef: Wenn man privilegiert ist, tut man gut daran, die Unterprivilegierung zu beklagen. Das hätten die französischen Aristokraten rechtzeitig tun sollen. Reiche, die heute linke Forderungen unterstützen, wollen vielleicht nur ihren Hals retten?

Maschke: Meistens sind die Leute ja in sich selbst nicht logisch. Sie merken auch nicht, wenn sie gegen ihre Maximen verstoßen. Ich weiß nicht, wer das erstmals formuliert hat, aber ich finde die Formulierung beneidenswert: Die Leute lügen nicht, die sind verlogen. Wenn man heute behauptet, „die Politiker lügen alle“: Das könnten die gar nicht, Menschen können nicht ununterbrochen lügen, sondern sie müssen verlogen sein. Das ist etwas anderes.

ef: Zur Verlogenheit gehört wohl die kognitive Dissonanz, also die Fähigkeit, ungerührt einander ausschließende Dinge zu behaupten. Etwa dass es keine Rasse gebe, aber Rassenunruhen und Rassismus gibt es doch. Eine schwarze kanadische BLM-Anführerin hat gerade erklärt, die Weißen seien Untermenschen, Weißsein beruhe auf Gendefekten.

Maschke: Natürlich gibt es so etwas. Neulich schrieb auch irgendein schwarzer Intellektueller in der „FAZ“, die Schwarzen müssten jetzt kämpfen, es gebe gar keine Möglichkeit der Zusammenarbeit mit den Weißen. Dabei funktioniert das ja zum Teil sehr gut, wie ich unter anderem in Kuba erlebt habe. Zwar gab es dort in manchen Provinzen deutlichen Rassismus, in Havanna und in Ostkuba allerdings nicht. Und man darf nicht vergessen, dass auch Rassenkämpfe innerhalb der Schwarzen stattfinden. Die Völker sind auch verschieden begabt. Aber es darf keine Begabungsunterschiede geben. Davon abgesehen, dass eine gerechte Gesellschaft langweilig wäre, furchtbar langweilig, ist die Einebnung sämtlicher Differenzen unmöglich. Sie kommen mit ihren Gleichheits-Zollstöcken und messen und siehe, da ist immer noch etwas ungleich. Wie bei diesen Frauenquoten: Die Frauen stellen in den Parteien 25, 26 Prozent der Mitglieder, doch jetzt sollen sie die gleichen Chancen haben wie die Männer.

ef: Die Frauenquote ist eine Art Strafzoll auf Männer, sagt der Blogger Hadmut Danisch.

Maschke: Der Reiz dieser Forderungen besteht natürlich darin, dass sie unerfüllbar sind. Wir wissen ja: Der Neid wird nicht geringer, wenn die Gleichheit wächst. Den Multimultimillionär beneide ich ja nicht, ich beneide den Nachbarn, der ist eigentlich nicht klüger ist als ich, aber er fährt das bessere Auto und hat eine drei Quadratmeter größere Wohnung. Je mehr Differenzen abgeschafft werden, desto mehr wächst der Neid – wie Differenzen immer bleiben.

ef: Was uns wieder zum Rassismus führt.

Maschke: Ja, aber das ist die toteste aller Hosen, finde ich. Der Fremde ist eine Tatsache. Man weiß, die Kulturen sind verschieden – aber das allein genügt ja. Das Zusammenleben ist schwieriger, als man meint. Es gibt Leute, die führen jahrelang einen Prozess, weil ein Zweig meines Birnbaumes über die Grenzmauer auf ihren Garten wächst, und dieselben Leute sagen: Diese Zuwanderer, das sind doch alles Menschen, mit denen gibt es doch kein Problem. Aber gegen den urdeutschen Nachbarn führen sie einen endlosen Guerillakrieg.

ef: Die Toleranz wächst mit dem Abstand zum Problem.

Maschke: Das ist ganz wichtig. Sehen Sie sich mal die Häuser von Propagandisten der Welcome-Politik an, die könnten doch Migranten aufnehmen! Davon ist nichts bekannt. Aber sie empfehlen ihren Landsleuten die Ausreise, wenn ihnen die Einwanderung missfällt. Die Aggressivität nährt sich durch die angebliche Menschenfreundlichkeit. Hinzu kommt – da sage ich auch nichts Neues, aber es gibt banale Wahrheiten, die man immer wiederholen muss –, dass die meisten Leute ja gar nicht denken wollen, das übliche Pareto-Phänomen, der Mensch schützt rationale Gründe vor für jeden Unsinn. Das funktioniert wie von selbst, wir brauchen heute nicht mal einen Goebbels dafür. Der musste morgens noch per Fernschreiben festlegen: Dieses Wort darf nicht verwendet werden, jenes Wort bedeutet das und das. Heute passiert das ganz von selbst. Goebbels wäre heute arbeitslos. (lacht)

ef: Sind Sie Rassist?

Maschke: Das entscheide ich ja nicht (lacht). Ich glaube nicht. Unter den Castro-Leuten auf Kuba galt ich als „Petrolero“. So nennt man dort einen Weißen, der gerne mit schwarzen Frauen schläft.

ef: Das ist vielleicht eine besonders subtile Form des Rassismus.

Maschke: Es ist immerhin so, dass jeder zeugungsfähige Mann der Welt mit jeder gebärfähigen Frau der Welt ein Kind zeugen kann. Das ist nicht uninteressant.

ef: Sie gelten oder galten zumindest als Nationalrevolutionär. Korrekt?

Maschke: Ich galt eher als Französling. 

ef: Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?

Maschke: Das hat Hans-Dietrich Sander mir vorgeworfen; dem war man schon verdächtig, wenn man Französisch sprach. Ich habe einen gewissen antigermanischen Affekt. Das hängt mit den geringen Spontanitätsfähigkeiten der Deutschen zusammen. Wie Bismarck bemerkte: „Den Deutschen fehlt ein Schuss Sekt im Blut.“ Sie sitzen zu lange auf dem Klo, diese Deutschen. Oder wie Heine sagte: „Sie haben den Stock verschluckt, mit dem man sie einst geprügelt.“ Die Franzosen sind die Weltmeister der Schikane, wir sind die Weltmeister der Denunziation. Aber ich habe beschlossen, mich gegen kein Volk mehr aufhetzen zu lassen – was etwas anderes ist als die „Welcome-Kultur“.

ef: Ein Volk, das Merkel und mehrheitlich Schwarz-Grün wählt – muss man sich dafür noch in die Bresche schlagen?

Maschke: Es weiß natürlich nicht, was es will. Es kann sagen: Uns geht’s ja noch gut. Sehen Sie, Max Weber wird oft dargestellt als der Ahnherr der parlamentarischen Demokratie, aber wir wissen, dass das ein knallharter Machtbejaher war. Seine Kritik am Wilhelminismus galt eben nicht dem angeblichen Autoritarismus, sondern der Unfähigkeit zu einem wirklichen Imperialismus. Er kritisierte den Wilhelminismus, weil der keine Machtpolitik trieb. Weber wollte eine Demokratisierung, um den Imperialismus zu stärken und damit die besten Leute ins Parlament kommen. Harry Graf Kessler schildert, wie Bismarck, nachdem er gefeuert war, in seinen Vorträgen immer wieder mantraartig vortrug: Wir sind jetzt saturiert. Und Kessler beschreibt die Enttäuschung der jungen Leute im Publikum, meistens Studenten. Ach so, das war‘s jetzt? Weber wollte mehr Demokratie, aber um die Macht der Nation zu steigern, eine Führerdemokratie. Wahrscheinlich waren die 36 süßen Kleinstaaten das uns Gemäße. Wir konnten ja 1871 vor Kraft kaum laufen, und dann konnten wir nichts damit anfangen. 1939 waren wir schon schwächer als 1914, auch wenn das Niveau der Generäle im Dritten Reich höher war als 1914 bis 18, wenn man absieht von einem Genie wie von der Goltz. In den 50er Jahren hatten wir noch ein „take off“, wirtschaftlich sowieso, auch in den Geisteswissenschaften gab es viele interessante Sachen. Aber heute ist dieses Land auch intellektuell erledigt.

ef: Gibt es Zeitgenossen, die Sie für lesenswert halten?

Maschke: Ich halte sehr viel von Enzensberger, trotz einiger Dummheiten, die er geschrieben hat, etwa über den armen Saddam Hussein als Wiedergänger Hitlers. Der Mann ist ein großer Lyriker, behaupte ich, und wenn er weiter nichts getan hätte, als César Vallejo und William Carlos Williams zu übersetzen, wäre er bedeutender als die meisten anderen. An seinen Geburtstag erschien in der „FAZ“ eine ganze Seite über ihn, aber es kamen weder der Lyriker noch der Übersetzer in diesem Artikel vor. Er kann sehr viel. Ich habe ihn kennengelernt, der besaß oder besitzt bei aller Arbeit eine für mich geradezu unheimliche Schweißlosigkeit. Er kann sogar mit Geld umgehen. Enzensberger könnte einen Kurs machen: „Wie fahre ich mit einer Plastiktüte drei Jahre um die Welt, mache dabei auch noch Geld und organisiere eine zehnbändige Lyrik-Anthologie auf Tungusisch.“ Er ist von äußerster Eloquenz, er kommt ja aus Kaufbeuren, das ist eigentlich eine sehr mundfaule Gegend, das scheint mir fast eine Art Überkompensation. Aber sonst? Es sind ja alle tot.

ef: Fühlen Sie sich geistig vereinsamt?

Maschke: Ich habe ein Problem damit, dass sie alle tot sind. Ich hatte immer ein großes Talent für ältere, mir gegenüber durchaus väterliche Freunde. Das begann mit meinem Adoptivvater, den ich extrem verehre, Walter Maschke, Jahrgang 1892, Unternehmer, Strickwarenproduzent. Meinen leiblichen Vater kenne ich nicht, der ist 1944 gefallen. Als Jugendlicher war ich Kommunist. Mit 16, ich war noch Lehrling bei der Nürnberger Lebensversicherung in Trier, habe ich den Ostermarsch aufgezogen, wir wurden auf der Straße bespuckt, das gab mir natürlich enormen Auftrieb. Die katholische „Trierische Landeszeitung“ schrieb damals: „Der stadtbekannte Günter Maschke wollte die Anwesenden vor den Ostkarren spannen.“ Meinem Vater aber war das völlig wurscht.

ef: Sie haben in einer schönen Wendung über ihn gesagt, er sei den Meinungen anderer Leute mit monströsem Desinteresse begegnet.

Maschke: Und das als Unternehmer! Überlegen Sie mal, wie sich die meisten Unternehmer heute aufführen. Er sagte nur: „Du wirst schon sehen.“ Und als ich aus Kuba zurückkam, sagte er: „Hast du gesehen? Es ist eben scheiße mit dem Kommunismus.“ Er hat mich nicht erzogen, sondern er war für mich der Held, das Beispiel. Ich hatte immer ältere Freunde, Schmitt, Julien Freund, Günter Anders, mit dem war ich sehr eng – Anders konnte einem übrigens auf die Nerven gehen, weil er diesen unbezwingbaren Trieb zum Bonmot hatte, das wurde irgendwann fade, fünf Stunden Bonmots am Stück, das hält niemand aus. Und heute sind sie alle tot. Es sind alle tot, der Julian Freund, Roman Schnur, der Gehlen, den ich vom intellektuellen Zuschnitt und von der Bedeutung vielleicht für wichtiger als Schmitt halte. Den finde ich schon enorm, auch an Desinvolture. Auch mein Freund Mohler ist schon lange dahingegangen. Mohler hatte übrigens drei große Bibliotheken zusammengestellt, eine zur Konservativen Revolution, die hat er an die Japaner verkauft, eine zur französischen Rechten, die hat die Universität Potsdam gekauft, und dann hatte er noch Tausende von Bänden über Kunst, davon hat er nichts verkauft. Mohler sagte: „Ich habe einen Teil meines Lebens an die Politik vergeudet, ich hätte mich viel mehr um die Kunst kümmern müssen.“

ef: Sind Sie eigentlich katholisch?

Maschke: Nein. In meiner Jugend war ich Protestant. Wir wurden nach dem Krieg nach Saarburg bei Trier umgesiedelt, und dann gab es in dieser katholischen Gegend auf einmal ein paar Hundert Protestanten. Die Katholiken mit ihren tollen Prozessionen – dort war auch ein Wallfahrtsort – haben mich beeindruckt. Ich ging auch in den katholischen Religionsunterricht und wollte Katholik werden. Mein Vater sagte nur: „Na warte mal ab.“ Als junger Kommunist empfand ich es natürlich als meine Pflicht, aus der Kirche auszutreten. Als ich zum zweiten Mal in gefährliche Nähe zum Katholizismus geriet – ich habe fünf Jahre an der Übersetzung und Kommentierung von Donoso Cortés gearbeitet –, kam das Zweite Vatikanum, und damals dachte ich mir: „Das ist der Selbstmord.“ Inzwischen neige ich zum Atheismus. Ich habe einen Freund, Philosoph, der ist noch so ein Atheist wie 1888 im Freidenkerverein und scheut auch vor den plumpsten Argumenten nicht zurück. Wir können natürlich nicht klären, ob es Gott gibt oder nicht, das ist eine Kinderfrage, aber von wirklichem Interesse ist das religiöse Bedürfnis. Ich bin ganz nihilistisch inzwischen. Da ist eben die kosmologische Nullität des Menschen, wie Blumenberg es nannte, und irgendwann wird eintreten, was Arno Schmidt in die Worte gefasst hat: „Das Experiment Mensch, das stinkige, hat aufgehört.“ Dann wird es auch keine gesammelten Werke geben und keine Historiker, sondern nichts. Wir werden irgendwie verglühen. Das steht womöglich auch bevor, wenn es zehn Milliarden Menschen gibt. Der Mensch wird einmal aufhören zu existieren.

ef: Sie sind der älteste oder der am längsten gediente deutsche Paria – kann man das so sagen?

Maschke: Paria?

ef: Sie sind isoliert, verfemt, werden nicht eingeladen …

Maschke: Gott, ja, ich bin schon ausgegliedert. Ich habe mich ja selbst ins Knie geschossen, in der „FAZ“ und im Verlag, ich habe zweimal meine komplette ökonomische Existenz verloren wegen Carl Schmitt. Das Geld für meine Edition Maschke kam vom Deutschen Ärzteverlag, der in Geld schwamm. Denen habe ich den „Leviathan“ von Schmitt untergejubelt. Ich wollte dieses Buch unbedingt herausbringen, wozu Schmitt nie den Mut hatte. Er wollte selber den Vertrag zurücknehmen, doch ich habe abgelehnt. Das Buch wurde veröffentlicht, und es gab gleich eine spanische und französische Ausgabe. Im Jahr darauf hat mir der Ärzteverlag den Geldhahn zugedreht. Und dann kam mein Bruch mit der „FAZ“ wegen meines Nachrufs auf Schmitt. Danach hat Dolf Sternberger mobilisiert gegen mich – nicht der Habermas, wie immer behauptet wird –, und schließlich habe ich gesagt: Schluss. Joachim Fest versuchte noch, mich umzustimmen, doch ich wollte nicht mehr. Ich hätte ja auch meine frühere Position nicht mehr halten können. Jedenfalls bin ich zweimal total auf die Schnauze gefallen. Finanziell gerettet hat mich meine Frau. Danach war ich in Italien sehr aktiv, in Lateinamerika habe ich missioniert, das kann man wohl so sagen, in Peru vor allem. Ich wollte gern als Professor an der Hochschule der Armee in Peru bleiben, aber meine Frau war nicht zur Übersiedlung zu bewegen. Der Tod meiner Frau hat mich schwerstens harpuniert, ich war 33 Jahre mit ihr zusammen und habe mich keine 33 Stunden mit ihr gezankt. Die letzten sieben Jahre habe ich sie gepflegt, das war die Hölle, in dieser Zeit habe ich nichts geschrieben – ich hielt es nur aus, weil ich bis zuletzt in sie verliebt war.

ef: Hatten Sie jemals eine Option auf eine Karriere, ich meine: innerlich?

Maschke: Ich wusste schon, wie ich mich hätte verhalten sollen, aber das ging einfach nicht. Das kann ich nicht.

ef: Sie hätten mitmachen können, mit Ihren Talenten wären Sie doch allen anderen überlegen gewesen, und am Ende hätten Sie ihnen verraten, was Sie von ihnen halten.

Maschke: Ja, aber das macht der Mensch dann nicht. Der Mensch ist ja dankbar. Mein Freund Helmut Quaritsch hat einmal über seine Schüler gesagt: Wenn die Kerle Referendare sind und jeden Tag rausgeschmissen werden können, sagen sie die unglaublichsten Sachen und sind zum geistigen Amok bereit. Wenn sie Professor sind und ihnen nichts mehr passieren kann, werden sie auf einmal lammfromm. Ich erwiderte: Herr Quaritsch, daran sehen sie, dass die These von der menschlichen Undankbarkeit Blödsinn ist. Quaritsch gehörte zur Generation der, wie ich sie nannte, „Forsthoff-Schüler“, die haben geglaubt, sie könnten, nachdem der NS endlich vorbei war, auf diesem Flugsand einen Staat bauen. Denkste! 

ef: Wenn man Ihnen abschließend die alberne Frage stellte: Was wollen Sie eigentlich?

Maschke: Ich würde es begrüßen, wenn die Vorstellung, die man einmal von der Universität hatte, wiedergefunden würde. Dass die Universität wieder als ein Ort begriffen wird, wo ich hingehe, um zu denken, in Einsamkeit und Freiheit, ja, um frei zu sprechen. Wo man sagt: Wir sitzen zusammen, wir versuchen, etwas zu verstehen, deswegen mögen wir uns auch, wir haben keine Angst, das oder das zu sagen – so ungefähr wie sich das Herr Humboldt vielleicht vorstellte. Davon habe ich noch einen Hauch gespürt im Abendsonnenschein der Geisteswissenschaften an der Uni Tübingen, wo ich zwar nicht studiert habe, aber immerhin Redakteur der Studentenzeitung war, ich hielt sogar Referate, bei Dahrendorf zum Beispiel. Ich wünsche mir, dass es das noch einmal gibt. Man trifft sich, weil man den gemeinsamen Wunsch zum Denken hat, es geht um hochinteressante Sachen, und man schätzt jeden, der mitdenken will, auch wenn der auf einmal etwas sagt, was man selber ganz falsch findet. Wir wissen, wie es früher tatsächlich war an der wilhelminischen Universität – aber es war besser als heute! In Italien habe ich das noch ansatzweise in den 1970er Jahren erlebt – doch auch Italien ist heute von der politischen Korrektheit aufgefressen –, da war ich auf Kongressen, wo Linke und Rechte debattierten, das war sehr angenehm: „Ach so, Sie versuchen auch zu denken, dann kommen Sie rein, nehmen Sie Platz, wollen Sie ein Glas Wein?“ Damals gab es hier und da noch so etwas wie eine Bruderschaft der geistigen Menschen. Heute dagegen besteht eine Feindseligkeit gegenüber dem geistigen Menschen, die bis zum Todhass reicht – und zugleich von „Bildung“ faselt. 

  1. Das bewaffnete Wort. Aufsätze von 1973–1993, Wien 1997. 

    Klänge es nicht ketzerisch, würde ich meinen: Alles, was Maschke zu sagen hatte, steht zwischen den zwei Buchdeckeln dieses Bandes. Schlüsseltexte wie »Die Verschwörung der Flakhelfer« (1985) und »Sterbender Konservatismus« (1987) sind ebenso enthalten wie seine Eloge auf Pierre Drieu la Rochelle (»Die schöne Geste des Untergangs«, 1980). Maschke überarbeitete diese Drieu-Würdigung im Sommer 2010 für mein eigenes Erstlingswerk Eurofaschismus und bürgerliche Dekadenz (Kiel 2011) und gewährte mir den Abdruck als Vorwort. Das erfüllte mich damals und noch heute mit Dankbarkeit. Es dürfte nicht zuletzt einigen Lesern des Eurofaschismus eine Art »Vorschussvertrauen« abgerungen haben: »Wenn Maschke sich dafür hergibt, musste es ja taugen«, sagte mir ein, zwei Jahre später tatsächlich ein etwas betagter Leser bei einem Treffen in Norddeutschland. 
  2. Verräter schlafen nicht, Kiel 2011.

    200 Seiten Maschke, 200 Seiten Spannung. Maschke steht Rede und Antwort zu seiner Zeit in der illegalen KPD, seiner Fahnenflucht, dem Aktivismus in Wien, dem Exil auf Kuba. In dem ihm eigenen Stil beschreibt er seine Abkehr von links und den Weg nach rechts, erzählt von der »Edition Maschke«, in der er Liebhaberprojekte umsetzte, bevor er zu seinem Lebensthemen – Carl Schmitt und der Krieg, Donoso Cortés und der Katholizismus – finden sollte. Abschließend spricht Maschke frank und frei über die »Neue Rechte« und was er eigentlich so von ihr hält. Deren Chancen, da machte er sich nichts vor, seien äußerst gering. Aber: »Pessimist sein und kämpfen, das ist die zugegebenermaßen schwierige Aufgabe.«
  3. Kritik des Guerillero. Zur Theorie des Volkskriegs, Frankfurt/Main 1973.

    Ganz vom damaligen Geist geprägt, ist Maschkes 
    Kritik des Guerillero vom »Befreiungskampf« internationaler Revolutionäre, vor allem Lateinamerikas, geprägt. Mit »Guerilla« erfasste Maschke das »irregulär kämpfende Volk«, das einer regulären Armee Widerstand leistet. Clausewitz, Schmitt und Mao finden in einer Synthese zusammen, wenn Maschke als »Dortgewesener« die Kubanische Revolution und verwandte Bestrebungen analysiert. Klar war für Maschke schon damals: »Sorel siegte über Marx«, denn auch für die Kubaner waren Mythen, zumal nationale, bei ihrem antiamerikanischen Freiheitskampf bedeutender als marxistische Kategorien.

Gewiss könnte man weitere Bücher des gebürtigen Erfurters und Wahl-Frankfurters hervorheben, etwa die Textsammlung Der Tod des Carl Schmitt (Wien 1987/2012). In diesen drei genannten Werken ist jedoch die Essenz des Maschke-Werkes enthalten. Wer also Zugang finden möchte zu jenem Autor, den der BRD-Haus-und-Hof-Philosoph Jürgen Habermas als »einzigen Renegaten der Achtundsechziger-Bewegung« bezeichnete (und damit nicht nur Bernd Rabehl unrecht tat), sollte mit diesen Bänden seinen rechten Einstieg finden. 

Benedikt Kaisers Nachruf. https://podcast.jungeuropa.de/guenter-maschke-ist-tot/

2 Kommentare zu „Das bewaffnete Wort. Zur Erinnerung an Günter Maschke.

  1. Ich erinnere mich an ein Interview, das Günter Maschke vor Jahren der „Sezession“ gegeben hatte. Eine Frage lautete, wenn Carl Schmitt noch leben würde, welcher Politiker ihm am besten gefallen würde. Maschkes Antwort: Putin.

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